PolitikFahrgastinteressen in der Verkehrspolitik

Auf der "politischen" Ebene ist das Interesse der Fahrgäste auf ein den ÖV förderndes politisches Klima gerichtet, da damit die Erwartung eines höherwertigen, besser nutzbaren Angebots verbunden ist.
Grundsätzliche Entscheidungen zum ÖV-Angebot fallen auf dieser Ebene, da staatliche Akteure über die meistens erforderliche (Ko-)Finanzierung einen erheblichen Einfluss haben. Beispiele sind die Entscheidung über Einführung oder Abschaffung städtischer Bahnsysteme oder die Festlegung der allgemein für Verkehrsleistungen oder bestimmte Sondertarife verfügbaren Mittel.
Weitere Fragen der "politischen Ebene" beziehen sich auf Grundsatzentscheidungen der Verkehrspolitik und der Flächennutzungsplanung. Auch andere Politikfelder beeinflussen den Verkehrssektor. Hier seien die Besteuerung von Vorleistungen durch die Fiskalpolitik, mit denen die Wettbewerbsverhältnisse zwischen den Verkehrsträgern gestaltet werden, genannt. Weitere Beispiele sind Richtlinien zur Stadtplanung und Parkraumbewirtschaftung.

Instrumente

Wichtig ist die Mitwirkung an der Erörterung des Themas, die in der Regel der politischen Entscheidung vorangeht. Die Sicht der Kunden kann vor allem auf drei Wegen einfließen:

Lobbyarbeit

Zunächst können die Kunden in allen Phasen der Politikformulierung politische Lobbyarbeit nutzen. Dabei stehen sie jedoch immer im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Ressourcen mit anderen Politikbereichen und ihren Akteuren.

Formale Beteiligungsverfahren

Zweitens ist - in erster Linie bei baulichen Maßnahmen - im Rahmen von Genehmigungsverfahren eine - auch als "formal" bezeichnete - Bürgerbeteiligung vorgeschrieben und im Detail geregelt. In den vielen für den ÖV wichtigen Fragen sind solche Verfahren allerdings nicht vorgesehen. Eine weitere "geregelte" Beteiligungsmöglichkeit liegt im Initiieren von Volksentscheiden auf kommunaler und regionaler Ebene.

Informelle Beteiligungsverfahren

Drittens zielen nicht formalisierte ("informelle") Partizipationsverfahren darauf, Themenfelder unter Einbeziehung vieler bzw. aller beteiligten Gruppen zu diskutieren, Konflikte transparent zu gestalten, Strategien zu entwickeln oder Lösungsvorschläge zu sammeln. Für den ÖV sind sie meist wichtiger als die "formelle" Bürgerbeteiligung, da sie in Ablauf und Thema flexibler sind. Allerdings ist ihre Durchführung nicht zwingend und ihr Ergebnis nicht verbindlich für politische Entscheidungsträger. Je besser es jedoch gelingt, mit einem solchen Verfahren auch divergierende Interessen zu einem gemeinsamen Ergebnis zu führen, desto größer wird auch dessen Wert im politischen System sein.
Besonders der zweite und dritte Weg sind auch für die Interessenvertretung auf der Planungsebene wichtig.

Wer spricht für die Fahrgäste?

Hier sollte unterschieden werden zwischen Interessierten, die sich als Angehörige von Verbänden engagieren, und "Laien", die ohne Anbindung an eine solche Organisation in Beteiligungsverfahren oder Gremien wie Fahrgastbeiräten mitarbeiten. In der Realität mischen sich allerdings die Angehörigen beider Gruppen. Ein Wechsel von der einen zur anderen Gruppe ist ebenso möglich.

Fahrgastverbände als Interessenvertretung

Bestimmte Organisationen treten immer wieder als Vertreter der Fahrgäste auf: Zu ihnen gehören gruppenspezifische Verbände wie die von Senioren, seltener allgemeine Verbrauchervereine, häufig dagegen verkehrs- und umweltpolitische Organisationen und die Fahrgastverbände im engeren Sinn. Die beiden letztgenannten werden auch als "verkehrsökologische Verbände" bezeichnet. Sie unterscheiden sich in ihrem Selbstverständnis von "klassischen" Bürgerinitiativen, da sie für sich in Anspruch nehmen, keine aus lokaler Betroffenheit geborene "Verhinderungs-" oder "Verlagerungspolitik" zu betreiben. Sie sehen sich dem übergreifenden Ziel verpflichtet, den öffentlichen Verkehr zu erhalten und zu verbessern. Mit dieser längerfristigen Ausrichtung ist das Ziel einer "integrierten Perspektive" auf den ÖV verbunden, um in der eigenen Arbeit machbare und fundierte Konzepte zu entwickeln. So können die Verbände als fachlich ebenbürtiger Partner mit der Gegenseite - Verkehrsunternehmen, Behörden und Politik - in einen Dialog treten. Dies kann allerdings zu Zweifeln führen, ob der Verband tatsächlich die Sicht der Fahrgäste oder eher eine Expertenmeinung vertritt.

Beteiligungsmöglichkeiten für Einzelpersonen

Daher versuchen andere Beteiligungsverfahren, teils unter explizitem Ausschluss von Verbandsmitgliedern, repräsentative "Abgeordnete" zu rekrutieren oder zumindest Menschen auszuwählen, die "nur für sich selbst" sprechen.
Hierzu gehören etwa informelle Verfahren (vgl. "Politik"), aber auch die in Deutschland recht verbreiteten Fahrgastbeiräte. Deutlich wird dies etwa im Begriff des "Laienbeirats", in denen bewusst keine Aktiven aus Verbänden mitwirken sollen. Daneben gibt es jedoch auch reine "Verbandsbeiräte" und natürlich auch Mischformen. Übergreifende Gesichtspunkte treten bei Laiengremien zugunsten der örtlichen oder gar persönlichen Problemwahrnehmung in den Hintergrund. Mit zunehmender Verweildauer der Mitglieder in einer solchen Gruppe entwickelt sich jedoch auch hier häufig eine "Expertenposition".